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  • AutorenbildCaroline Riedhammer

„Damit habe ich nicht gerechnet“ - Überraschungspakete aus dem Tierschutz

Ich habe ein großes Herz für Hunde aus dem Tierschutz. Alle meine bisherigen Hunde kamen entweder aus dem lokalen Tierheim oder aus einer Pflegestelle. Mein erster Hund Venni ist mir direkt im Urlaub in Italien zugelaufen.


Da ich etwa 7 Jahre im lokalen Tierheim als Trainerin tätig war, hatte ich die Möglichkeit, die Hunde, die von dort bei mir eingezogen sind, bereits über einen längeren Zeitraum kennenzulernen und sie hatten die Möglichkeit, Vertrauen zu mir aufzubauen. Gemeinsames Training mit Markersignal und positiver Verstärkung hatte dabei einen großen Einfluss.


Dennoch zeigten alle meine Hunde im neuen Zuhause andere Verhaltensweisen als in der Umgebung, in der wir uns kennenlernten. Auch die Beschreibung meiner Hündin Maroula aus der Pflegestelle war ganz anders als nach einigen Wochen der Eingewöhnung bei mir. Wurde sie durch die Pflegestelle so beschrieben, dass sie beim Spaziergang immer bei einem bleibt, hat sie nach etwa drei Wochen gezeigt, dass sie großes jagdliches Interesse hatte. Da ich doch extra nach einem Hund ohne besondere Jagdmotivation gesucht hatte, was dies natürlich zunächst keine angenehme Überraschung.


Meine beiden Terriermixe Pepe und Smartie, die aus extrem schlechter Haltung ins Tierheim kamen und zunächst große Angst vor neuen Situationen hatten, sind wiederum völlig selbstverständlich ins Haus gegangen, als hätten sie das immer schon gemacht. Überraschungen können also auch positiv sein.


Wer einen Hund aus dem Tierschutz adoptieren will, sollte daher wissen, dass das Verhalten, das der Hund im Tierheim zeigt und die Beschreibungen des Hundes auf der Homepage des Tierheims / Tierschutzvereins in der Regel nicht dem Verhalten im neuen Zuhause entspricht. Hunde passen ihr Verhalten an das jeweilige Umfeld an. Im Tierheim ist es meistens laut und stressig für die Hunde. Manche bellen daher viel am Zwingergitter, wenn Menschen vorbei gehen, da sie aufgeregt sind. Andere ziehe sich eher zurück und reagieren auf den Stress mit gehemmten Verhalten. Da fremde Menschen meistens Stress und Aufregung für die Hunde bedeuten, finde ich das „Schaufensterlaufen“, das in einigen Tierheimen immer noch an der Tagesordnung ist, sehr fragwürdig.



Im Folgenden möchte ich Sie auf verschiedene Punkte hinweisen, die sie bei der Entscheidung für einen Hund aus dem Tierschutz und die Anfangszeit im neuen Zuhause berücksichtigen sollten. Auch wenn ich einige kritische Punkte aufführe, soll der Artikel keinesfalls dahingehend verstanden werden, dass ich von der Adoption eines Hundes aus dem Tierschutz abrate! Ich plädiere nur dafür, dass die Entscheidung zum Wohle aller Beteiligten mit Herz und Verstand getroffen wird.


Bei der Auswahl

Gehen Sie bei der Auswahl des Hundes nicht nach der Optik. Wenn es erst einmal Ihr Hund ist, wird er sowieso der Allerschönste für Sie sein. Berücksichtigen Sie stattdessen, welcher Hund zu Ihrer Lebenssituation passen könnte: haben Sie Kinder oder andere Haustiere, leben sie im ländlichen oder städtischen Bereich, bekommen Sie viel Besuch, soll ihr Hund mit ins Büro? All diese Faktoren sollten Sie in die Auswahl des Hundes einbeziehen. Gibt es Informationen über die Rasse des Hundes oder die Rassen, die bei einem Mix mitgespielt haben, kann man zumindest grob von rassetypischen Eigenschaften ausgehen. Bei einem Jagdhund(-Mischling) kann mal also erst mal von einer großen Motivation zu jagen ausgehen. Hier muss man viel Training investieren, wenn der Hund irgendwann auch ohne Leine laufen soll. Ein vor allem in den osteuropäischen Ländern stark vertretener Hundetyp sind Herdenschutzhunde. Diese Hunde weisen ein starkes Wachverhalten auf und sind daher Fremden gegenüber nicht besonders aufgeschlossen, oder zeigen sogar aggressives Verhalten. Dafür wurden sie gezüchtet. Ein solcher Hund passt vielleicht nicht unbedingt in eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Stadt.


Auch Mitleid ist ein schlechter Ratgeber. Wenn Sie einen Hund nur aus Mitleid bei sich aufnehmen, und es stellt sich heraus, dass es doch nicht passt und sie den Hund wieder zurückgeben, ist niemandem geholfen, am wenigsten dem Hund.


Oft sind ältere Hunde, die bereits eine gefestigtere Persönlichkeit haben, eine gute Wahl.


Im Tierheim / Auf der Pflegestelle

Ist die Entscheidung für einen bestimmten Hund gefallen, empfehle ich Ihnen, den Hund, wenn möglich, mehrfach zu besuchen. Das erste Kennenlernen sollte in einem Auslauf des Tierheims stattfinden, in denen der Hund sich in seinem eigenen Tempo den fremden Menschen annähern kann. Nach einigen Besuchen können Sie zumindest einen ersten Eindruck von dem Hund bekommen. Diese Möglichkeit haben Sie bei einem Direktimport eines Hundes aus dem Ausland nicht.


Beim Einzug

Bevor Sie Ihren neuen Hund mit ins Haus nehmen, sollte er in einem ruhigen, grünen Bereich die Möglichkeit haben, Darm und Blase zu leeren, so dass es nicht gleich zu einem „Unfall“ im Haus kommt.


Sollten Sie bereits einen Hund haben, sollte dieser zunächst mit einem anderen Familienmitglied spazieren gehen, damit der Neuzugang in Ruhe das neue Zuhause erkunden kann. Das erste Zusammentreffen der Hunde sollte unbedingt auf neutralem Grund stattfinden Auch hier ist es hilfreich, wenn beide Hunde von verschiedenen Menschen an der Leine geführt werden und der Abstand zwischen den Hunden zunächst so groß ist, dass alle entspannt sein können. Während des Spaziergangs können Sie dann, wenn möglich, den Abstand verringern.


Wieder zurück am Haus, sollte der neue Hund zuerst rein gehen und dann erst der andere. Türgitter zwischen verschiedenen Zimmern sind enorm hilfreich für die Zusammenführung, da beide Hunde so ihre Rückzugsmöglichkeiten haben, ohne ausgesperrt zu sein.


Im neuen Zuhause

Die meisten Hunde aus dem Tierschutz haben bereits einen Namen. Manchmal kommt der Name sogar noch von einem Vorbesitzer. Da man nie weiß, was der Hund bereits mit seinem Namen an negativen Dingen verknüpft hat, empfehle ich immer, dem Hund sofort nach dem Einzug einen neuen Namen zu geben, der möglichst im Klang dem alten Namen nicht ähnelt. Auch Standardsignale für Verhalten, wie z.B. “Sitz“ oder „Platz“ sollten geändert werden, denn wurde dem Hund z.B. das Hinsetzen über runterdrücken des Hinterteils oder Hochziehen am Halsband beigebracht und er hat dazu „sitz“ gehört, ist dieses Wort „vergiftet“, da mit negativen Emotionen verknüpft.


Am besten üben Sie alles, was sie von Ihrem Hund erwarten, komplett neu und verwenden dabei die neuen Signale. Training mit Markersignal und positiver Verstärkung ist dabei sehr erfolgreich, da hier auch keinerlei Konfrontation mit dem Hund stattfindet.


Generell können Sie zunächst alles, was ihr neuer Hund an „gutem“ Verhalten von selbst zeigt, belohnen. Verhalten, das Sie nicht möchten oder das sogar gefährlich sein kann, wie das Fressen von bestimmten Lebensmitteln, verhindern Sie am besten über Managementmaßnahmen. So sollte z.B. Fressbares nicht in Reichweite des Hundes liegengelassen werden (auch nicht kurz), der Hund sollte draußen angeleint sein, solange der Rückruf noch nicht zuverlässig funktioniert...


Setzen Sie Nichts als selbstverständlich voraus, sondern trainieren Sie nach und nach alles, was ihr Hund können soll.


Geben Sie ihrem neuen Familienmitglied Zeit, sich bei Ihnen einzugewöhnen. Sorgen Sie dafür, dass er ausreichend Ruhe und Schlaf findet. Er sollte einen Platz haben, an den er sich zurückziehen kann, und an dem ihn niemand stört. Bedrängen Sie ihn nicht, sondern warten Sie, bis er von selbst den Kontakt zu Ihnen sucht. Lassen Sie ihn beim Fressen in Ruhe und nehmen Sie ihm nicht einfach etwas weg, sonst könnte der Hund ressourcenverteidigendes Verhalten zeigen.


Bieten Sie ihrem Hund Möglichkeiten zum Kauen und Schlecken an, da dies beruhigt. Freiverkäufliche Nahrungsergänzungsmittel, die z.B. die Aminosäure L-Theanin enthalten, können eine gute Unterstützung sein, um dem Hund das Einleben zu erleichtern.


Generell helfen Vorhersehbarkeit und Rituale ihrem neuen Hund beim Ankommen.


In den ersten Wochen ist es völlig ausreichend, wenn der neue Hund seine Hauptbezugspersonen kennen lernt. Besuch von Freunden, Verwandten oder Nachbarn, die das neue Familienmitglied natürlich gerne kennenlernen wollen, sollte erst nach einigen Wochen erfolgen.


Generell sollte eine Reizüberflutung vermieden werden. Wählen Sie zum Spaziergang eine reizarme Umgebung aus, in der Sie wenigen anderen Hunden oder Menschen begegnen. Anfangs sollten Sie immer die gleiche Strecke gehen, damit ihr Hund sich daran gewöhnen kann. Auch hier gilt: manchmal ist weniger mehr.


Während der erste Stress nach dem Umzug nach ca. 3 Wochen abgebaut ist, sollten Sie etwa 3 Monate rechnen, bis ihr Hund richtig im neuen Zuhause angekommen ist.


Hunde lernen, wie alle Säugetiere, ihr ganzes Leben lang, da dies notwendig ist für Anpassung an verschiedene Umgebungen und Situation. Daher kann auch problematisches Verhalten wie Aggression gegenüber Menschen oder anderen Hunden in der Regel gut bearbeitet werden.


Möchten Sie sich auf das Abenteuer Tierschutzhund einlassen, unterstütze ich Sie dabei sehr gerne!




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